Müssen und Wollen, und zwar lifelong und informell

Thema Weiterbildung. Eigentlich ja eine feine Sache, und fast jeder Berufstätige freut sich, wenn es mal wieder eine mehrtägige Schulung und danach ein weiteres Zertifikat gibt – solange das während der regulären Arbeitszeit stattfindet. Was dann mit dem Zertifikat geschieht, bleibt jedem selbst überlassen. Man kann es sich ins Büro hängen oder in den Ordner mit den Lebenslauf-Anlagen abheften. Es bleibt ein guten Gefühl, man sei auf dem Laufenden über die Anforderungen des Berufslebens. Doch wollen wir das wirklich?

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Foto: Ralph Aichinger (cc)

Thema Weiterbildung. Eigentlich ja eine feine Sache, und fast jeder Berufstätige freut sich, wenn es mal wieder eine mehrtägige Schulung und danach ein weiteres Zertifikat gibt – solange das während der regulären Arbeitszeit stattfindet. Was dann mit dem Zertifikat geschieht, bleibt jedem selbst überlassen. Man kann es sich ins Büro hängen oder in den Ordner mit den Lebenslauf-Anlagen abheften. Es bleibt ein guten Gefühl, man sei auf dem Laufenden über die Anforderungen des Berufslebens. Doch wollen wir das wirklich?

Das Photoshop-Zertifikat

Photoshop-Zertifikate für Firmenmitglieder sind teuer, für einen mehrtägigen Kurs bezahlt man pro Person oft einige tausend Euro. Und was lernt man in der Zeit? Am ersten Tag Farbräume, Bildgrößen, Auflösungen, Unterschied zwischen Vektor und Pixel. Am zweiten Tag Auswahl, Effekte, Textfelder, Pinsel und Radiergummi. Am dritten Tag die Ebenen und Ebeneneffekte und -stile. Am vierten Tag noch etwas über Masken und Alphakanäle, was dann selbst die computerversierteren Teilnehmer nicht mehr verstehen. Oder, wenn es ein schlechter Kurs ist, etwas über Mustergeneratoren und Hastenichtgesehn-Features der neuesten CS-Varianten. Dann geht jeder Teilnehmer stolz mit seinem Zertifikat nach Hause und erzählt allen: „Ich kann Photoshop.“ Doch was bleibt da wirklich hängen? Die drei folgenden Wochen auf der Arbeit sind besonders stressig, weil man ja schließlich das liegen gebliebene Zeug nacharbeiten muss. Also keine Zeit für Photoshop. Und danach sind die meisten Dinge schon wieder halb vergessen. Ein sehr gutes Buch über Photoshop kostet rund 100 Euro. Im Netz gibt es zu kaum einem Programm mehr Tutorials wie zu Photoshop. Zudem sollte jeder Software-Anfänger, der nicht gleich Grafikdesigner für Kunstausstellungen werden will, mit kostenlosen Photoshop-Alternativen arbeiten, um sich nicht von Anfang an an den 1000 Euro Luxus zu gewöhnen. Doch jeder will eben dieses verdammte Zertifikat.

Täglich News und Tipps

Es ist schon ein Wahnsinn, was täglich an Neuigkeiten weltweit zu einer Branche rauskommt. Umfassend informieren will man sich also. Doch wie tut man das? Und wo? Klar, im Internet. Joseph Weizenbaum, ein deutsch-amerikanischer Informatiker, verglich das Internet mit einem großen  Müllhaufen, in dem sich zwar einige Perlen befinden, diese müsse man jedoch erst einmal finden. Auf dem größten Schrottplatz also suchen wir nach Weiterbildung. Delicious.com ist eine wirklich feine Sache, um sich zu bestimmten Themen zu informieren, denn zumindest zeigen diese Links, dass mehrere Leute bestimmte Seiten als lesenswert erachten. Vielleicht wäre es eine Idee, statt drei Tage Photoshop mit Zertifikat zu lernen, erst einmal einige der 25 Free Must Download Design Programs zu testen, um sich dann mit den interessantesten auseinanderzusetzen. Oder einfach mal das Wort Photoshop in der Suche auf www.delicious.com einzugeben. Dann gibt es einige News-Dienste, die täglich, stündlich oder minütlich über die mehr oder weniger wichtigen Dinge in den Branchen berichten. Ob man lieber per Twitter gleich aufs Handy oder per RSS in die Lesezeichenleiste oder auf dem Desktop informiert wird, bleibt jedem selbst überlassen. Eins sei allerdings aus Erfahrung gesagt: mit der Zeit allerdings stressen diese Infos ungemein.

Die Sicht der Bildungsforschung

Es ist allgemein bekannt (d.h. man könnte behaupten, ich will das hier aber nicht belegen ;-), dass Forschung als Ziel neue und relevante Ergebnisse hat, Bildungsforschung nicht ausgeschlossen. Forscher wiederum wollen in der Forschung bleiben. Wenn aber keine neuen Ergebnisse erscheinen, dann peppelt man die bestehenden einfach wieder auf, erfindet dazu neue Konzepte und Begriffe, und die Zukunft ist gesichert. Weiterbildung ist so ein Thema, das in der Vergangenheit in allen Variationen in der Bildungsforschung konzeptiert und begriffiert wurde. „Lifelong Learning“ oder „informelles Lernen“ wurde neu entdeckt. Dabei wird meistens nicht so getan, als hätte es das nie gegeben, aber es wird ein neuer Bezug zum Thema geschaffen. So wie der Bio-Käufer plötzlich die Reinheit der Frischmilch wiederentdeckt, die er zuvor Jahrzehnte lang ohne Wertschätzung in sich rein gekippt hatte.

Der auto-gestörte Quake3-Zocker in unserer IT-Abteilung

Und der Erfolg scheint die Theorie über informelles Lernen zu belegen: Autodidakten landen offensichtlich gerade in den neuen und innovativen Branchen, für die es noch keine Ausbildungsberufe gibt. Das Mythos des computersüchtigen Jugendlichen, der plötzlich Netzwerkadministrator in einer großen Firma wird. Die pädagogische Erklärung: Um zu zocken hat er sich nämlich mit diesen technischen Wissen auseinandersetzen müssen, dabei ganz nebenbei noch Englisch gelernt (zumindest IT-Englisch, das in Foren gesprochen wird), und so verfügt er über Praxiswissen, das kaum an einer Schule vermittelt werden kann. Dass er vielleicht ein Sozialwrack ist und nach einem Jahr Arbeiten zum Workoholic und/oder depressiv wird, interessiert hier erst mal nicht, denn er bestätigt die Theorie.

Fazit: „…und bin so schlau als wie zuvor.“

Insgesamt scheint es einen Unterschied zwischen dem Autodidakten und dem Berüfstätigen in der Weiterbildung zu geben.Weder das eine noch das andere darf grundsätzlich verurteilt werdem. Ob das aber nun wirklich die Modelle der Zukunft sind, die unsere Bildung bestimmen und die Menschheit weiter entwickeln, darf zumindest kritisch gefragt werden. Im Rahmen wachsender Angebote und Möglichkeiten sollte sich jeder selbst fragen und entscheiden: Will ich das überhaupt? Wieviel Input tut mir überhaupt gut und ab wann stresst es mich?

Zum Schluss sollte noch ganz alternativ zu den Weiterbildungen ein Modell der Meister-Schüler-Beziehung in Erwägung gezogen werden. Gerade in Ausbildungsberufen hat sich dieses Modell sehr bewährt. Es könnte auch in weiteren Bereichen eingesetzt werden, im oben genannten Beispiel von Photoshop-Kursen wäre es dann eben die langfristige Betreuung eines Schülers durch einen Meister. Das Modell unterscheidet sich insbesondere in der Zeitdimension sowie in seiner sozialen Komponente, nämlich der Beziehung, die zwischen Meister und Schüler entstehen könnte. Newsgroups, Tutorials und Foren können dieser Form wohl am ehesten zugeordnet werden.

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