Medieninszenierungen: unseriös oder die einzige Möglichkeit?

Im Jahr 2054 erklärte ich meinem Enkel: „Wir mussten es tun, wir hatten keine andere Wahl. Die Menschen hätten es sonst nicht verstanden. Oder sich erst gar nicht dafür interessiert.“

In einem gewissen Maß wurden Dinge schon immer inszeniert. Dabei wirken Inszenierungen mehr oder weniger authentisch. Ist dies der Fall, so scheint alles in Ordnung, anderenfalls ist das Maß an Inszenierungsbewusstsein relevant für die Akzeptanz. Harald Schmidt beispielsweise inszeniert Abend für Abend seine eigene Person, wobei jeder der Fans weiß, was er dort tut. Und das wiederum finden sie authentisch. Paradox? Oder einfach nur logisch in der Mediengesellschaft?

Täglich bieten sich uns öffentliche Darstellungen, teils als Zuschauer, teils als Schauspieler. Gerade im Internet, wo zwar die aktive Beteiligung eher gering ist, gibt es doch spätestens seit den sozialen Netzwerken ein hohes Maß an Selbstdarstellung. Im Prizip ist jede Seite, auf der der Nutzer auf sein „Profil“ klicken kann, ein Selbstinszenierungsapparat, wobei die regelmäßige Aktualisierungen durch Informations-, Bewertungs- und Kommentierfunktionen erforderlich scheint.

„Kleine_maus23 wechselt ihren Status auf Beziehung“

Die Frage, die sich nun den bis dato einzigen Experten im Bereich der öffentlichen Kommunikation stellt, ist die nach der Notwendigkeit einer derartigen Inszenierung. Kommen Informationen nur mehr dann an, wenn sie auf einem unterhaltsamen Satz gekürzt auf der Facebook-Seite der Zielgruppe erscheinen? Oder gibt es auch Wege, von Beginn an komplexere Inhalte zu vermitteln? Hier spielt der Faktor Aufmerksamkeit eine wesentliche Rolle. Denn die ist so knapp wie nie zuvor und sie schrumpft stetig. Ist Wachstum vielleicht sogar letztlich die Ursache für diese Aufmerksamkeitsverknappung?

In Konkurrenz mit GNTM und Geilem Geiz

Nicht überwiegend Menschen auf Facebook kämpfen um ihre Aufmerksamkeit, sondern insbesondere die gesamte Werbe- und Medienindustrie. Und die können je nach Größe und Erfolg für Aufmerksamkeit entsprechend viel bezahlen. Subtile Botschaften wurden von Marktforschern und Psychologen jahrelang erforscht und getestet. Sie verändern (im besten Fall) unser Konsumverhalten. Daneben aber verändern sie auch Wertevorstellungen und Informationsnutzungsverhalten. Oder bildlich gesprochen: wer ausschließlich eine einzige Sprache hört, der wird langfristig ausschließlich eine Sprache verstehen – und auch sprechen.

Umwelt-, Ethik-, und Nachhaltigkeitskommunikation

Was hat nun Umwelt-, Ethik- oder Nachhaltigkeitskommunikation mit dem Thema Inszenierung zu tun? Warum sind gerade diese Anwendungsfelder interessant in ihrer diesbezüglichen Beobachtung? Wir könnten sagen, wenn Kommunikation über Anpassung an aktuelle Inszenierungspraktiken funktioniert, dann tut das jede Kommunikation, auch Umweltkommunikation. Doch vielleicht ist das bei Themen mit ganzheitlichem Geltungsanspruch doch nicht so einfach. Wie sollen Werte vermittelt werden, die bereits in der Form der Vermittlung ihren Widerspruch finden? Kann und darf Nachhaltigkeit kurzfristig unterhaltsam sein? Und doch müssen auch die Umwelt-, die Ethik- und die Nachhaltigkeitskommunikation kommunizieren. Es muss zu einer modernen Kommunikation gehören, dass sie sich aktuellen Formen nicht verschließt. Und schon sind wir wieder bei Luhmanns Systemtheorie :-) Dabei wird zwar kein Topmodel den Ausstieg aus der Schönheitschirurgie glaubwürdig verkörpern können, aber sehr wohl den Ausstieg aus der Atomkraft – allerdings leider auch den Einstieg.

Fazit und Ausblick

Auch Nachhaltigkeit muss in kurzfristig unterhaltsamen Medien kurzfristig unterhalten. Es ist nur zu überlegen, inwiefern diese Medien überhaupt nachhaltiges Handeln beeinflussen können. Vielleicht liegen stattdessen wirksamere Ansätze in einer aktiven Form von Demokratie und Beteiligung. Handeln wird durch Handeln vermittelt, nicht durch Reden. In diesem Sinne:

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