Crowdsourcing: Kollektive Ausbeuten, solange es uns nicht trifft

Klar, es ist reizvoll, für hundet Euro ein neues Logo zu bekommen. Und warum sollte man den teuren Grafiker aus Deutschland beauftragen, wenn ein Osteuropäer oder Südamerikaner es für ein Zehntel des Preises macht? Es geht hier nicht um Rassismus oder Nationalismus, nur um faire Arbeitsbedingungen und fairen Handel. Crowdsourcing ist das neue Zauberwort. Es behauptet zu sein, was es nicht ist, und es ist darüber hinaus sogar das genaue Gegenteil.

Kollektive Kreativität vs. Entsolidarisierung

Crowdsourcing bedeutet für den Arbeitgeber die Loslösung vom Arbeitsvertragsrecht. Denn es besteht gar kein Vertrag. Und für den Arbeitnehmer die vollständige Unsicherheit in Bezug auf Bezahlung. Es wendet die Prinzipien des freien Wettbewerbs auf einzelne Aufgaben an, tut dies auf globaler Ebene, und umgeht somit nationale Regulierungen. Crowdsourcing wirkt entsolidarisierend, denn die Angehörigen des gleichen Berufszweiges arbeiten ausschließlich gegeneinander. Frecherweise schmücken die Befürworter diese neuen globalen Ausbeutungsformen diese aber gerne mit dem Wort „kollektiv“ und nennen sie dann die „Kreativität der Massen“. Damit muss aufgehört werden, denn es schaden nicht nur den Ausgebeuteten, sondern auch langfristig denjenigen, die heute noch glauben, davon zu profitieren.

Open Source goes Konkurrenz

Darum ärgert es mich ganz besonders, wenn in letzter Zeit vermehrt darüber berichtet wird, wie man mit Crowdsourcing die „Kreativität der Vielen“ nutzen könne. Auch das Open Source befürwortende t3n-Magazin brachte heute erneut einen Beitrag, in dem es zehn Crowdsourcing-Dienste völlig unkritisch vorstellt:

Sollte sich die Firma für ein Design entscheiden, kommt ein Geschäft zwischen dem erfolgreichen Designer und dem Unternehmen zustande.

Und was passiert mit den anderen? Das scheint t3n egal zu sein – doch die anderen sind vielleicht ihre Leser. Crowdsourcing handelt nach dem Motto: „Du arbeitest für uns und wir bezahlen Dich nur, wenn Du besser bist als die anderen“. Das versucht hier selbst die Open Source Szene mit beschönigenden Aussagen zu verdrängen. Schade.

6 Gedanken zu „Crowdsourcing: Kollektive Ausbeuten, solange es uns nicht trifft“

  1. Yeah! Endlich sagt mal einer, wie es wirklich funktioniert. Statt bezahlter Arbeit ist Crowdsourcing die Teilnahme an einem Gewinnspiel. Rätselhaft, warum Crowdsourcing fast immer aus der Sicht des Auftraggebers beschrieben wird.

    Richtig ist: Die kollektive Kreativität wird schon sehr bald Agenturen und professionelle Designberufe überflüssig machen. Aber da müssen wir doch nicht auch noch Hurra schreien!?

  2. Hallo drcho,

    vielen Dank für Deine kritische Auseinandersetzung mit unserer Crowdsourcing-Aufzählung, auch wenn ich Deine Argumentation nicht ganz nachvollziehen kann. Zunächst mal finde ich den Beitrag meines Kollegen nicht „völlig unkritsich“ – siehe Absatz „Pro & Contra zu Crowdsourcing“.

    Was mich aber am meisten stört ist das Argument „Hier werden Designer ausgenutzt“. Da kann ich nur klar wiedersprechen. Zum einen steht es doch jedem frei, sich an solchen Design-Plattformen einfach nicht zu beteiligen und sie zu boykottieren. Ausgenutzt wird nur, wer sich ausnutzen lässt.

    Zum anderen verändert das Internet nun mal die Geschäftswelt, ob man will oder nicht. Das kann man finden wie man will, aufhalten kann man es nicht. Genauso wenig kann die Musikindustrie verhindern, dass ihr traditionelles Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, das selbe gilt für viele Verlage.

    Vielmehr gilt es aus meiner Sicht, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen und für sich sinnvoll zu nutzen.

    Nach unserem Wettbewerb bei 99designs, den ein Grafiker aus Guatemala gewonnen hat, haben wir übrigens alle folgenden Cover auf Basis des beim Crowdsourcing entstandenen Grundlayouts von einem lokalen Grafiker gestalten lassen, weil dabei die Absprache deutlich einfacher ist.

    Aus meiner Sicht macht Crowdsourcing Agenturen und professionelle Designberufe nicht überflüssig, sondern stellt lediglich eine sinnvolle Ergänzung dar.

  3. Zum Argument mit der veränderten Geschäftswelt im Internet: da wurden die Eltern Minderjähriger bestraft, weil sie Musik runtergeladen haben. Es handelt sich in gewisser Weise sogar um das gleiche Phänomen wie Crowdsourcing. Weil es noch kaum vernünftige Anpassungen des Copyrights an das Internetzeitalter gab, haben Unternehmen (nicht Musikbands!) sich daran bereichert, Bürger finanziell zu belangen. Bei Crowdsourcing profitieren Unternehmen nun davon, dass Menschen keinen sicheren Job haben. Klar, sie haben die Wahl. Aber wenn man weiß, dass sich selbst in Deutschland derzeit auf relativ schlecht bezahlte und befristete Stellenanzeigen oft mehrere hundert hochqualifizierte Menschen bewerben, dann scheint diese Freiwilligkeit beim zweiten Blick nicht zu existieren.

    Ich bin seit mehreren Jahren mehr oder weniger zufriedener t3n-Leser. Aber hier einfach nur zu erwähnen, dass Crowdsourcing diskutiert wird, reicht mir eben als Kritik nicht aus. Weil auch t3n Crowdsourcing in der Praxis verwendet und weil sich Unternehmen nicht entscheiden können, spricht das doch noch nicht für Crowdsourcing. Aus Unternehmersicht ja. Aber darum geht es mir nicht. Denn aus Unternehmersicht sind unfaire soziale Bedingungen in Zuliefererbetrieben der dritten Welt auch irrelevant, sogar oft günstiger. Die haben ja im Prinzip auch die Wahl, zu tun, was sie wollen. Nur nicht nach Europa kommen, denn wir lassen sie nicht rein. Kapital darf sich weltweit bewegen, Menschen nicht.

  4. Crowdsourcing ist nichts weiter als der kommerzielle Ableger von OpenSource-Communities, mit dem Unterschied das nur der Veranstalter seinen Nutzen daraus ziehen kann. Bewerber erhalten nichts oder sehr wenig für Ihre Leistung und ziehen auch keinen Nutzen am fertigen Produkt oder der umgesetzten Idee, da diese am Ende nicht frei zur Verfügung steht.
    Crowdsourcing ist doch bloß Ausnutzung 2.0 und jeder Kreative der da mitmacht verschleudert einfach nur sein Können und trägt zum Dumping bei.

    Ein reales Beispiel aus den öffentlich einsehbaren Werten eines Crowdsourcing-Portals an Hand eines Top-Designers:
    – Teilgenommen an 517 Wettbewerben
    – Gewonnen 24
    – Durchnittsverdienst: 203,75€
    – Arbeitsaufwand je Wettbewerb = 2h (Sichtung, Erstellung, Einrichung, Kommunikation)
    GEWINN: 24×203,75=4890€
    STUNDENLOHN: 4890€ / (517Wettbewerbe a 2h = 1034h) = 4,72€

    Also McDonalds bietet 8,-€ die Stunde und daruf muss man nicht noch Steuern zahlen!

  5. Gegen Crowdsourcing als wunderbares Marketinginstrument der Meinungseinholung, Voting etc. ist ja nichts zu sagen. Wird das System jedoch missbraucht, um geizig zu Designlösungen zu kommen, indem zig Designer für lau arbeiten, dann ist das äusserst fragwürdig. So kann man die vielen „Designausschreibungsplattformen“ wohl eher als „Ausbeutungsplattformen“ bezeichnen.
    Die dortigen Auftraggeber vergessen das physikalische Naturgesetz „Aktion = Reaktion“. Demnach werden sie zukünftig ebenfalls zigfach umsonst arbeiten müssen. Geiz auf Kosten anderer ist eben nur kurzfristig geil.

  6. Conrad, ich bin ganz Deiner Meinung. Auch wenn die Idee erst mal cool ist, dass sich sowohl Auftraggeber als auch als Dienstleister die interessanten Dinge rauspicken kann, aber sobald eine Seite über mehr Macht verfügt, wird’s für die andere Seite ungerecht. Ist aber auch so bei globaler Wirtschaft, eben die Angebot-Nachfrage-Logik, die sich durch alle Bereiche der Gesellschaft zieht. Aber: man muss ja nicht alles mitmachen :-)

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