Der Umstieg auf Linux: Erfahrungen

Foto: zone41 (Flickr, creative commons lizenz)
Foto: zone41 (Flickr, creative commons Lizenz)

Da ich inzwischen ausschließlich auf Open Source Software umgestiegen bin, sind die hier verfassten Gedanken dazu vielleicht für die eine oder andere Leserin hilfreich. Am Ende will ich darauf eingehen, inwiefern man eine professionelle, produktive Arbeitsumgebung unter Linux und mit Open Source aufbauen kann.

Aller Anfang ist schwer

Als als erfahrener Windows- bzw. Mac-Anwender muss man sich beim Umstieg auf Linux erst einmal bewusst sein, dass dies mit Anstrengungen verbunden ist. Als Motivation für den Umstieg reicht die Überzeugung aus, dass ein freies, kommerziell weitestgehend unabhängiges System langfristig am sichersten ist. Linux ist nun mal das einzige mit der Open Source Philosophie verträgliche Betriebssystem, und wer sich befreien will und ein glückliches Leben in Unabhängigkeit führen will, der muss die Kosten hierfür in Kauf nehmen. Warum reden wir eigentlich noch über Geld?

Nein, nicht jede Hardware wird unterstützt, die Installation von Software verläuft selten per Doppelklick und das System muss erst mal eingerichtet werden. Hinzu kommt, dass nicht in jedem Bereich ausgereifte, freie Software verfügbar ist, was sich jedoch mit den wachsenden Nutzerzahlen von Linux verbessert. Es gibt jedoch auch Argumente für den Umstieg. Näheres dazu in folgenden Abschnitten.

Warum drücken wir bei Windows XP auf Start, um das System zu beenden?

Diese Frage führt vor Augen, warum Nutzergewohnheiten nicht immer logisch sind. Ebenso klicken wir noch immer auf eine Diskette, um Dokumente zu speichern. Ebenso ist es mit dem Umstieg auf Linux: nicht alle Dinge sind dort, wo wir sie erwarten, aber mit der Zeit ergibt das Ganze einen Sinn, was es bei Windows selten tat. Wie dem auch sei, der Umstieg ist machbar, und die Erfahrungen machen den Nutzer mit der Zeit kompetenter, statt ihn durch nicht standardisierte User Interfaces immer aufs neue an Eigenheiten eines kommerziellen Produktes zu gewöhnen. Jüngstes Beispiel ist Microsoft Word 2007, wo die Navigation mal wieder komplett über den Haufen geworfen wurde. Bei Apple sind diese Tricks zur Gewöhnung an eigene Standards ebenfalls stark vorhanden, wenn auch weitaus eleganter und subtiler realisiert.

Achtung Mogelpackung!

In einem großen Warenhaus nach Menschen zu suchen, die etwas zu verschenken haben, ist nicht einfach. Ebenso war es immer schwer, wirklich freie Open Source Alternativen für kommerzielle Software zu finden, insbesondere wenn man sich in einer Systemumgebung bewegt, die überwiegend kommerzieller Natur ist. Da ist nicht immer drin was drauf steht. Ich erinnere mich an ZoneAlarm und Antivir, die von CHIP so sehr umworbenen kostenlosen Sicherheitstools. Mit etwas längerer Nutzungszeit stellte sich dann jedoch heraus, dass Antivir den Nutzer fast täglich mit Updates und damit verknüpfter Werbung belästigt. ZoneAlarm hingegen ließ sich kaum noch deinstallieren und wollte eigentlich auch nur der Türöffner für weitere kommerzielle Produkte sein. Die Angst um die Sicherheit des eigenen Systems ließ mich diese nervenaufreibenden Störungen ertragen. Heute ist das zum Glück vorbei.

Open Source Alternativen gibt es für viele Bereiche, man muss sie nur finden

Was war ich erstaunt, dass Ubuntu sich parallel zu Windows installieren läßt. Nach der Installation dieser für Umsteiger geeigneten Linux-Distribution hielt mein Staunen an. Die Anwendungen waren automatisch sortiert nach Kategorien: Bildung, Büro, Grafik, Internet, Spiele etc. Unten im Anwendungsmenü, das übrigens wie ein bereinigtes Windows-Startmenü aussieht, gibt es den äußerst praktischen Knopf „Anwendungen hinzufügen/entfernen“. Hier werden aus einem Verzeichnis alle für das System unterstützten Programme aufgelistet, ebenso nach Kategorien sortiert und durchsuchbar. Ich brauchte endlich kein CHIP mehr, um mir nach mehrseitigen Werbeanzeigen ein freies Werbeprogramm von einem langsamen Server runterzuladen. Hier konnte ich nun per Klick Programme hinzufügen und entfernen, und alle garantiert GNU/GPL.

Wer das zukunftsfähige System nicht unterstützt, der ist selbst nicht zukunftsfähig

Anfangs, wenn man nicht findet, was man sucht, alles im Wiki nachschlagen muss, Hardware teilweise noch gar nicht unterstützt wird, dann kommen schon mal die Fragen auf, ob der Umstieg wirklich so sinnvoll war. Es ist wie sich das Rauchen abzugewöhnen, die Wut richtet sich anfangs niemals gegen die Zigaretten sondern immer gegen das Nicht-Rauchen. Mit der Zeit wird einem jedoch bewusst, dass alleine das Nicht-Rauchen die gesundheitliche Zukunft sichert, dass nur unabhängige Betriebssysteme die langfristigste Entwicklung ermöglichen. Und irgendwann merkt man dann, dass fortschrittliche Software-Unternehmen schon längst über Open Source nachdenken, teilweise schon bei Open Source angelangt sind, wenngleich sich der Umstieg für sie auch nicht einfach gestaltet.

Fortsetzung folgt

In einem weiteren Beitrag werde ich über Open Source Software in produktiver Umgebung schreiben. Dabei wird das Thema unter verschiedenen Arbeitsschwerpunkten betrachtet, u.a. Webdesign, Druckvorstufe und Musikproduktion.

3 Gedanken zu „Der Umstieg auf Linux: Erfahrungen“

  1. Hallo drcho,

    schöner Artikel, danke dafür! Ich bin seit Ubuntu 7.04 dabei, erst parallel, sehr bald jedoch habe ich Windows und dieser ganzen irrwitzigen „kaufmichdenndubrauchstmich“-Software ganz die kalte Schulter gezeigt. Auch wenn es immer wieder Situationen gibt, die mich Windows booten lassen, weil ich in meiner Verzweiflung über ein nicht ausgereiftes Programm oder unzureichende Hardwareunterstützung denke, dort würde es „halt einfach“ funktionieren… Es dauert meist ca. 30 Minuten, bis ich reumütig und geleutert zurückkehre und weiß: „Windows ist nicht besser.“ Und immer öfters folgt dann noch der Eindruck: „Ganz im Gegenteil!“

    Noch etwas, womit es nicht nur mir so geht: Auch wenn das eine und andere OpenSource-Programm unter Linux nicht immer ausgereift und überfunktional erscheint, wie sich viele Programme unter Windows verkaufen, so gestaltet sich für mich die Arbeit an einem Linux-Rechner sehr viel entspannter. Vielleicht liegt es ein wenig daran, dass man nicht ständig von großen Erwartungen und Hoffnungen, die mir Windows uns seine Komparsen vorgaukeln, getrieben und oft enttäuscht wird. Unter Linux kostet es wohl ein wenig Zeit, bis man die passenden Programme und Werkzeuge gefunden und installiert hat. Diese erfüllen dann aber auch ihren Zweck. Nicht mehr und nicht weniger.

    Für mich bedeutet weniger Windows immer mehr.

    Liebe Grüße
    mutetella

  2. Ja, der Umstieg ist eben das Problem, aber manchmal muss man auch mal neues wagen und etwas Zeit investieren, um langfristig nicht in der Sackgasse zu laden. Und ich denke was man in dem Umstieg auf Ubuntu kurzfristig an Zeit investiert, gewinnt man langfristig durch den Innovationsvorsprung mehrfach zurück, denn ich hab schon einiges an guter Software über den Gnome App Installler kennen gelernt.

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