Open Source in produktiver Umgebung: Schwerpunkt Web

Noch nie gesehen? Willkommen in der Welt der Symlinks.
Noch nie gesehen? Willkommen in der Welt der Symlinks.

Der erste Artikel aus der Linux-Reihe handelte von meinen Erfahrungen mit dem Umstieg von Windows auf Linux und den damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Es folgen nun weitere Beiträge, die sich mit der professionellen Arbeitspraxis in verschiedenen Bereichen unter Linux beschäftigen. In diesem ersten Teil geht es um Webdesign, PHP-Programmierung, Bildbearbeitung für den Screenbereich sowie das Arbeiten an Internetseiten über FTP. Es wird sich zeigen, dass Linux gegenüber Windows eine ganze Menge an wirklichen Vorteilen zu bieten hat.

Allgemeine Bemerkung: Ubuntu und andere Linux-Derivate

Insgesamt kann ich immer nur aus meinen Erfahrungen mit Ubuntu sprechen, ich habe weder Suse noch Fedora noch andere Linux-Derivate getestet. Im Prinzip sollte es jedoch möglich sein, die meisten Applikationen ebenso ans Laufen zu kriegen wie unter Ubuntu. Ich empfehle dennoch das Arbeiten mit Ubuntu, da hier das Installieren von Programmen (so genannte Paktet) wesentlich unkomplizierter ist als unter einigen anderen Derivaten.

localhost: wamp, lamp oder xampp?

Windows: Wer Internetseiten nicht nur in html, css und Javascript erstellt, sondern darüber hinaus in PHP programmiert und beispielsweise Datenbanken in mySQL benutzten möchte, der braucht eine produktive Testumgebung. Weil das Einrichten von PHP, mySQL und einem Apache-Server unter Windows jedoch unheimlich kompliziert ist, gibt es seit Jahren bereits die bekannten Pakete wamp, lamp, xamp usw., die gleich alles in einem Durchgang installieren.

Linux: Bei Ubuntu ist das (wie so vieles andere im Webbereich) einfacher. Es werden einige Pakete installiert und anschließend läuft der Apache-Server. Apache-Module wie PHP5, PHP4 oder mod_rewrite können ebenfalls als Pakete installiert werden und durch einen einfachen Befehl im Terminal ein- und abgeschatet werden (z.B. a2enmod php5 oder a2dismod ssl). Es ist außerdem zu empfehlen, den lokalen www-Ordner im eigenen home-Verzeichnis anzulegen, um auch ohne Admin-Rechten einfach auf das Dateisstem zugreifen zu können.

Da die meisten Webserver sowieso mit Linux laufen, hilft die Einrichtung eines localhost unter Linux zudem dabei, die Funktionsweise von Webservern besser zu verstehen. Da symbolische Links unter Windows nicht funktionieren, wird ein Windows-Nutzer wohl auch nie in den Genuss kommen zu verstehen, wie man Libraries recht einfach einbinden kann.

FTP-Software überflüssig

Live-Bearbeitung einer CSS-Datei per FTP-Verbindung
Live-Bearbeitung einer CSS-Datei per FTP-Verbindung

Windows: Die Verbindung des Servers mit FTP ist unter Windows eine ebenso anstrengende Geschichte. Es gibt zig Programme, die ausschließlich dazu dienen, sich per FTP mit einem Server zu verbinden. Anschließend werden auf der linken Seite die lokalen Dateien, auf der rechten Seite die Online-Dateien angezeigt und es lassen sich Dateien hoch- und runterladen.

Linux: In der Navigationsleiste des Betriebssystems gibt es einen Reiter „Orte“. Dieser Reiter enthält u.a. den Punkt „Verbindung zu Server…“. Hier lassen sich alle möglichen Serververbindungen einrichten (FTP, WebDAV, SSH etc.). Zusätzlich kann man die Verbindungen als Lesezeichen benennen, so dass sie im Nautilus, dem Dateibrowser unter Ubuntu (Gnome), angezeigt werden. Ab diesem Zeitpunkt reicht ein Klick auf das Lesezeichen, um die Verbindung herzustellen. Die Dateien werden ebenso wie lokale Dateien behandelt, können gleich vor Ort bearbeitet und gespeichert werden. Kein lästiges Runterladen ist mehr nötig. Stattdessen kann man beispielsweise Änderungen in CSS-Dateien direkt im Texteditor speichern und online sehen. Dahinter steckt natürlich ein Trick. Die Datei wird schon temporär runtergeladen und die lokale Datei wird bearbeitet. Beim Speichern wird die Datei automatisch wieder hochgeladen. Vorteil ist jedoch: der Nutzer muss sich um all diese Dinge nicht mehr kümmern.

Eclipse

Ein geniales Entwickler-Tool für PHP ist die Open-Source-Software Eclipse. Auf der offiziellen Download-Seite gibt es eine Version für PHP-Entwickler (PDT). Diese Version sollte man lieber manuell installieren, wie dies im deutschsprachigen Ubuntu-Wiki beschrieben wird. Die in Ubuntu vorkompilierte Version macht einige Schwierigkeiten bei Updates und es gibt  überdies eigentlich keinen Grund, die Software nicht manuell zu installieren. Eclipse läuft von Beginn an einwandfrei. Richtet man sich nun den Workspace im localhost-Ordner ein, so lässt sich problemlos alles gleich im Browser testen.

Linux vs. Windows: Auch hier gibt es einen entscheidenden Vorteil. Dazu ein Beispiel: Es gibt eine lokale Installation des ZEND-Frameworks im localhost-Ordner mit einigen Projekten, die parallel bearbeitet werden sollen (z.b. /home/benutzername/www/zend/projekt001/ ). Will man nun dieses Projekt in einem bereits bestehenden Workspace in Eclipse bearbeiten, ohne ständig die veränderten Dateien hin und her kopieren zu müssen, ist das unter Windows nicht möglich. Unter Linux lässt sich hingegen im Workspace von Eclipse ein neues PHP-Projekt einrichten. In diesen Ordner zieht man nun einen symbolischen Link auf das zu integrierende Projekt, und schon kann man nach einer Aktualisierung im Eclipse-Pojekt (F5) das ZEND-Framework-Projekt bearbeiten.

HTML- und CSS-Editoren, Javascript

Eigentlich sollte Eclipse allen Anforderungen genügen, die aktuelle Web-Entwicklung fordert. Syntax-Highlighting für PHP und Javascript ist ebenso verfügbar wir das automatische Ergänzen von HTML-Tags und Attributen. Wem das jedoch noch nicht reicht, wer also lieber WYSIWYG arbeitet, für den sind zahlreiche HTML-Editoren unter Linux vorhanden. (Für eine Übersicht, siehe http://wiki.ubuntuusers.de/Webeditoren ).

Ich empfehle jedoch, nicht zu viel mit WYSIWYG und automatisierten Generatoren zu arbeiten, denn letztlich sollte man als Webdesigner verstehen, was dahinter steckt, um langfristig die Möglichkeiten auszuschöpfen. Zur Entwicklung in diesem Bereich ist zudem die Firefox-Extension „Firebug“ ein zentrales und unumgängliches Tool.

Webdesign und Internetgrafiken

Das Design findet im Kopf statt, nicht in der Software. Nichtsdestotrotz (lustiges Wort) ist es immer auch Benutzerfreundlichkeit eines Tools, wie weit die Kreativität mit der Zeit eingeschränkt oder entfaltet wird.

Windows: Obwohl ich noch nie mit Adobe Fireworks gearbeitet habe, sagt man, diese Software sei abgestimmt auf das Design von Webseiten. Photoshop hat seit einiger Zeit ein Zusatztool ImageReady. Dieses Tool erzeugt sogar einfachen HTML-, Javascript- und CSS-Code, was im ersten Moment verlockend klingt. Aber zwei Dinge: erstens was bringt uns der von Adobe kreierte Code, wenn jQuery diese Dinge viel besser beherrscht. Der Einstieg in jQuery ist übrigens wirklich kinderleicht. Und zweitens kostet diese Software Geld. Warum?

Ubuntu: Eindeutige Alternative hierfür bei Linux ist Inkscape. Dieses Programm kann einfach nicht genug gelobt werden. Es ist einfacher zu bedienen als ImageReady. Das liegt vielleicht daran, dass es erst gar nicht mit Ebenen arbeitet, sondern mit Elementen. Die Gegenüberstellung von Inkscape und Photoshop im Kontext Webdesign behandelte ich auch bereits in einem Beitrag vom 2.Juli 2009 mit dem zugegeben provokanten Titel „Brauchen Webdesigner tatsächlich Photoshop?„. Inkscape vereinfacht das Arbeiten mit Verläufen, Schattierungen und Formen aller Art. Zudem verfügt Inkscape über eine grandiose Exportfunktion für PNG-Grafiken, die es erlaubt, die aktuelle Auswahl zu exportieren, so dass die Übertragung von Inkscape-Entwürfen in HTML- und CSS-Dateien sehr einfach ist.

Fazit: Prüfung bestanden

Es konnte hier auf diesem knappen Platz nur ausschnittsweise ein Vergleich zwischen Linux und Windows hergestellt werden. So wurde hier nicht weiter auf mySQL eingegangen, um den Artikel nicht endlos in die Länge zu ziehen. Jedoch kann ich allen Lesern versichern, dass Linux hier ebenso die Nase vorn hat wie in den anderen Bereichen, die mit dem Schwerpunkt Web zu tun haben. Ubuntu hat im Vergleich mit Windows nicht nur die Prüfung bestanden, sondern es schlägt Windows bei weitem. Mac habe ich hier mal rausgelassen. Es scheint ja, dass viele Programmierer auf Mac stehen, aber dieser Sekte wollte ich bisher noch nicht beitreten, alleine schon aus Sympatiegründen gegen den „Guru“ der „Apple-Sekte“, wie es ein Freund mal sehr trefflich formulierte.

Der sichere Vorsprung von Linux gegenüber anderen Systemen im Bereich Online ist wahrscheinlich darin begründet, dass das Internet bereits von Anfang an von Unix- bzw. Linuxbasierten Systemen geprägt war. Open Source ist nirgends so weit vorangeschritten wie im Onlinebereich, und warum sollte man da auf Betriebssysteme setzen, die diese Philosophie nicht vertreten. Meine Empfehlung für alle Webdesigner, -entwickler und -programmierer: Lasst Euch nicht länger von Firewalls, Windows-Verknüpfungen und aufgrund des Systems nicht möglichen Unmöglichkeiten belästigen und steigt um. Hier lohnt es sich wirklich!

Nächste Folge: Musikproduktion und Audiobearbeitung

Nicht in allen Bereichen hat Linux so die Nase vorn wie beim Schwerpunkt Web. Meine Erfahrungen als ehemaliger Musikproduzent und der Umstieg auf Linux sollen im nächsten Teil der Linux-Reihe Umsteigern helfen, ihre Entscheidung zu fällen.

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