Ein Live-Bühnen-Set richtig einrichten mit Ableton Live 8

Ziel dieser Lektion: Ableton Live soll als automatisierbare Zentrale für einen Bühnenauftritt mehrerer Musiker eingerichtet werden. Ich versuche mich kurz zu fassen.

Problemstellung: Ableton bietet viele Möglichkeiten ans Ziel zu kommen, doch leicht droht eine Überlastung der Resourcen (CPU u. RAM-Verbrauch).

Vorgehensweise: 1. Anforderungen definieren, 2. Set einrichten, 3. Sicherheit und Stabilität prüfen

Hintergrund

Der Hintergrund dieser Lektion ist unser Bühnenauftritt Anfang April 2012. Speziell dabei war es, dass ein Computer als einziger Klangerzeuger für vier Musiker verwendet wurde. Nach dem schicken Werbe-Video, in dem Caribou behaupten, dass Ableton Live zentrales Element Ihrer Auftritte sei, schien mir dieses Vorhaben nicht sonderlich kompliziert. Doch die Probleme und Lösungen, diese zu umgehen, will ich hier beschreiben.

Definition der Anforderungen

4 Musiker an 1 PC

Da wir zu viert sind, und alles möglichst elektronisch klingen sollte, mussten alle an einen PC angekoppelt werden.

Lösungsansatz: ein MIDI-Interface für mehrere Geräte. Ich habe das ESI M4U XL benutzt, das 4 MIDI Ein- und Ausgänge über USB unterstützt. Jeder Musiker erhält einen MIDI-IN-Kanal, während alle Live-Spuren auf den jeweiligen Kanal des Musikers geschaltet werden.

Offenheit für spontane Song-Strukturen

Damit die Proben und die Auftritte nicht nur durch eine Person alleine dominiert sind, sollte eine gewisse Offenheit für spontane Ideen sowie spontane Änderungen der Live-Song-Struktur bestehen bleibt.

Lösungsansatz: Es muss mit dem Szene-Modus gearbeitet werden, denn nur dieser lässt es komfortabel zu, dass man im Song nochmal zurück springen kann und die Reihenfolge von Szenen variieren kann.

Automatisierte Preset- und Instrument-Wechsel

Eines der Hauptprobleme stellt sich durch die Vielzahl der Instrumente, die während einer Stunde Live-Auftritt von vier Musikern gespielt werden (rund 40 Instrumente). Mit jeder Szene muss für jeden Musiker ein festes Instrument verbunden sein, das spätestens beim Szenen-Wechsel zum nächsten Song/Part durch automatisch durch ein anderes ersetzt wird.

Lösungsansatz: Da viele MIDI-Spuren das Live-Set trotz Gruppierungen unübersichtlich machen, bekommt jeder Musiker nur eine Midi-Spur mit einem Instrument-Rack, das viele verschiedene Ketten enthält. Durch den Chain-Selektor werden in entsprechenden Tracks die Instrumente umgeschaltet. Hierbei kommt es schnell zu Leistungs-Problemen des Rechners (ja, selbst bei Quad-Core-Prozessoren mit 8 GB RAM), denen ich mich im Abschnitt Set einrichten detaillierter widme.

Benutzung von Elementen aus bestehenden Songs

Es gibt eine Menge Songs, die wir nicht komplett live spielen wollen (und können), sie sollten aber möglichst flexibel integrierbar und umgestaltbar sein.

Lösungsansatz: Die 1:1 Abbildung alles Spuren aus allem Songs würde die System-Ressourcen bei weitem übersteigen. Andererseits sind Loops, die das komplette Arrangement enthalten langweilig und unflexibel. Daher habe ich mich entschieden, eine Methode aus einem Tutorial zu benutzen: Einzelne Loops werden über eine bestimmte Taktlänge und gruppiert nach Bereich (Kick, Drums, Bass, FX usw.) aus bestehenden Songs exportiert.

Routing, Gesang und Effekte und Controller-Spielereien

Wir haben zwar keine Sänger, aber ein paar Vocoder- und Autotune-Effekte sollten unser Set etwas auflockern. Zudem wäre es schön, spontan den Beat oder bestimmte Spuren zu muten.

Lösungsansatz: Ein externer Controller mit Dreh- und Schaltknöpfen bzw. Fadern ist hierfür unumgänglich. (ein altes MIDI-Keyboard reicht hier eventuell auch schon aus). Es sollen eine überschaubare Anzahl an Routing-Spuren eingerichtet werden, die per Controller ein- und ausgeschaltet werden können. Eine Mikrofon-Spur mit eingeschaltetem “Monitor” erhält die nötigen Effekte, steuerbar über einen externen Controller.

Set einrichten

Beim Bearbeiten des Live-Sets stößt man schnell an die Grenzen seiner Hardware sowie leider auch von Ableton-Live. Doch mit Tricks lassen sich selbst bisher unbehobene Bugs einigermaßen umgehen. Eine regelmäßiger Datensicherung und Abspeicherung neuer Versionen versteht sich für professionelles Arbeiten von selbst. Hier einige Erfahrungen und Tipps:

Latenz

Ein gutes Audio-Interface sollte man sich leisten, gerade weil sowas wie Onboard-Soundkarten auf professionellen PA einfach schlecht klingen. Ich benutze eine Focusrite Saffire PRO 24, die für diesen Zweck ausreichend ist.

Problem: Bei langer Bearbeitung eines Live-Sets kommt es dennoch schnell mal zu Latenz-Problemen. So hatte ich nach 2 Wochen voller unbedachter Instrument- und Effekt-Benutzung plötzlich Verzögerungen von über 50 Millisekunden im kompletten Set verteilt.

Lösungen: Ganz allgemein hilft etwas Zurückhaltung bei der Benutzung von Master-Effekten sowie komplexen Effekt-Verkettungen in Racks auch weiter. Doch darüber hinaus: Löschen und Messen.

Messen: Ein guter Test für die Latenz ist es den Klick einzuschalten, und diesen über ein Mikrofon wieder ins System zu schicken (Vorsicht vor Rückkopplung bei aktivem Monitoring!). Nun setzt man die Aufnahme auf die Audio-Spur im Arrangement-Modus und vergrößert an den Anfang des Clips. Es lassen sich nun unten die Millisekunden erkennen, die vor dem Peak des Clicks vergehen. Sind es mehr als 10, so wird es für einen Drummer schwierig, noch genau zu spielen.

Löschen: Ist der Song mal verzögert, so hilft nur die eine Methode: Latenz-Zeit messen (s.o.) und danach der Reihe nach die verdächtigen Spuren löschen und immer wieder erneut messen (natürlich ohne zu Speichern!!!). Die Millisekunden-Veränderung notieren, und so lässt sich schnell der Übeltäter festlegen. Bei mir waren es Effekt-Racks mit VST-Plugins sowie komplexere Effekte auf Routing-Spuren.

Bugs in Ableton (8.2.8):

Latenz plötzlich weg: Nicht immer taucht die gleiche Latenz-Wirkung auf, wenn man eine Spur löscht und sie danach wieder herstellt. So konnte ich nach dem Ausmachen und Entfernen der Ursachen oft dieselben Spuren und Effekte wieder einstellen ohne merkliche Latenz-Verzögerungen.

Negative Latenz: Witzigerweise (eigentlich traurig) spielten plötzlich einige Spuren zu früh. Die erkennt man, indem man in Ableton Live eine Audio-Spur mit einem Kick (Peak auf 1:0:0) laufen lässt und gleichzeitig den Klick aktiviert. Hört man den Kick vor dem Klick, so stimmt was nicht. Ich konnte das Problem nur lösen, indem ich die Spuren mit der negativen Latenz gelöscht habe und 1:1 wieder nachgebaut habe.

Leistungsproblem bei vielen Instrumenten

Wie oben schon erwähnt, kommt es bei der Benutzung von 40 Instrumenten schnell zu einer Überlastung. Im Ableton-Handbuch steht zwar etwas von intelligenter Speicherzuweisung, doch das alleine reicht meistens nicht aus.

Problem: Alle Instrumente in allen Ketten (Chains) des Instrument-Racks sind irgendwie aktiv und verbrauchen CPU und RAM, und das nicht zu knapp. Ableton kann derzeit leider auch auf 64-bit-Systemen nur 4 GB Arbeitsspeicher nutzen. Auf Windows XP standardmäßig sogar nur 2 GB.

Lösung: Ein Trick ist es, die nicht benutzten Instrumente nicht nur im Chain-Selektur, sondern auch noch per Makro auszuschalten. Damit man noch weiß, welches Instrument bei welchem Marko-Wert eingeschaltet ist, habe ich mich eines Tricks bedient: Chain 0 (Ketten-Wahl Wert 0) ist leer. Jedes neue Instrument erhält die folgenden 5 Chain-Werte (nicht 1, damit die relative Auswahl als Prozent-Wert in MIDI-Track noch funktioniert). Das Makro zur Instrument-Auswahl wählt nun einerseits die Kette aus, andererseits schaltet es das Instrument ein (und die anderen aus).

Ein Beispiel:

  • Ein Instrument-Rack enthält 3 Synthesizer-Ketten A, B und C
  • Ketten-Verteilung: A 1-5, B 6-10, C 11-15
  • Macro Synth Select (Makro 1):
    –> Chain Select: 0-127
    –> Instrument A On/Off: 1-5
    –> Instrument B On/Off: 6-10
    –> Instrument C On/Off: 11-15
  • Der Macro-Knopf wird nun auf 100 (nicht 127!) gestellt. In einem MIDI-Track bestimmt man nun per Prozent-Wert das Instrument. 1-5% wählt Instrument A, 6-10% wählt Instrument B, usw. Es lassen sich also in jedes Rack 20 Instrumente integrieren.

Arbeitsspeicher-Nutzung bis zu 3 GB für Ableton unter Windows XP erhöhen (Anleitung ohne Gewähr!!!):
boot.ini verändern:

[operatung systems]
multi(0)disk(0)rdisk(0)partition(1)\WINDOWS="Microsoft Windows
XP Professional" /noexecute=optin /fastdetect /userval=2900 /3GB

(Quelle: siehe Link ganz unten)

Bugs in Ableton (8.3):

Audio-Knackser bei vielen Instrumenten / Drum Racks: Bei der ganzen Geschichte ist noch ein Major Bug in Ableton Live aufgetaucht, der mir auch inzwischen vom Ableton-Support bestätigt wurde. Dieser Bug tritt allerdings schon wesentlich früher in Erscheinung als bei einem so komplexen Set:

Wenn man mehrere Drum-Racks in ein Arrangement lädt (10+) und dann eine oder mehrere Audio-Spur(en) mit Loops laufen lässt, so ist bei jedem Klick auf den Startknopf einer Szene sofort ein Knackser auf der Audio-Spur zu hören. Dieser wird umso lauter, je mehr Instrumente geladen werden. Dieser Bug lässt sich zumindest relativ einfach umgehen, indem man die Stop-Tasten bei den Instrument-Spuren entfernt (Rechtsklick–> Stop-Taste entfernen).

Der Bug wurde mit der Version Ableton 8.3 noch nicht entfernt und laut Support soll ich auf dem Laufenden gehalten werden über die Lösung. Eigentlich ziemlich peinlich für eine “Live-Software”.

Sicherheit und Stabilität prüfen

Nicht zuletzt muss die Sicherheit und Stabilität für ein Live-Set regelmäßig überprüft werden. Was sagt die Soundkarte bei 80% CPU-Auslastung. Dafür bietet Ableton netterweise gleich ein Simulations-Tool für CPU-Belastung an, das man unter den Audio-Einstellungen findet.

Um den Live-Einsatz möglichst sicher zu gestalten, ist es auch sinnvoll, in verschiedenen CPU-aufwändigen Szenen einfach mal wild auf allem Tastaturen und Controllern rumzuhacken und gleichzeitig noch mit voller Effekt-Ausstattung ins Mikro zu schreiben. Wenn das Audio-Interface dann noch immer ohne Knackser läuft, dann ist das Set stabil genug für die Bühne.

Links

Austausch

Ich hoffe, meine Erfahrungen und Tipps helfen einigen von Euch weiter. Über Euer Feedback und ggf. (positive wie negative) Ableton-Erfahrungen freue ich mich sehr, zumal das Problem-Forum von Ableton ja leider neulich geschlossen wurde.

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